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Johannes Tintner: Klimaschutz kann Spaß machen, wenn man sich darauf einlässt

Dr. Johannes Tintner ist Umweltwissenschaftler an der Universität für Bodenkultur in Wien. Ehrenamtlich engagiert sich bei „Scientists for Future Österreich“.

Als Umweltwissenschaftler engagieren Sie sich ehrenamtlich in der Vereinigung “Scientists for Future“ („S4F“). Wie sind Sie persönlich dazu gekommen und warum halten Sie diese
Aktivität für wichtig?

Foto: Dr. Johannes Tintner

Ich habe diesen ersten Aufruf im Jahr 2019 unterschrieben. Das war eigentlich sozusagen die Gründung der „S4F“. Aber erst vor etwa einem Jahr haben sich in Österreich halbwegs flächendeckend Regionalgruppen gebildet, auch in Ostösterreich. Und da habe ich mich dann mit dem Thema „Veranstaltungen“ eingebracht aus der mittlerweile eine eigene Arbeitsgruppe geworden ist.
Ich denke, die Wissenschaft muss die Entscheidungsgrundlagen aller Maßnahmen liefern. Die Klimakrise hat eine naturwissenschaftliche Triebfeder, das muss man auch berücksichtigen. Diese Triebfeder arbeitet, auch wenn wir sie ignorieren oder versuchen abzuwählen. Als
Wissenschaftscommunity können wir deutlich mehr tun, als unsere rein berufliche Arbeit. Es gibt viele Stoßrichtungen – in die Politik, in die Wirtschaft hinein. Gerade die Stoßrichtung in die Gesellschaft halte ich besonders wichtig, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass viele Menschen gerne mit WissenschaftlerInnen ins Gespräch kommen wollen, wenn die Formate persönlich und ansprechend sind. Das zu erreichen, treibt mich an.

In Österreich gibt es mehrere Umweltschutzorganisationen. Wodurch unterscheidet sich „S4F“ von den anderen und wie ist ihre Initiative an „Fridays for Future“ angebunden?

Die „Fridays“ haben immer gefordert: Hört auf die Wissenschaft. Die „S4F“ ist da sozusagen die Antwort. Der Austausch ist naturgemäß recht eng. Es gibt einige Grundsätze, die „S4F“ unterschrieben hat. Da steht unter anderem drinnen, dass wir keine politischen Forderungen stellen, das unterscheidet uns von den meisten anderen. Das sorgt auch intern immer wieder für Diskussionen, weil die Abgrenzung oft schwierig ist. Aber es steckt dahinter, dass wir als Wissenschaft gut darin sind, objektiv zu bewerten. Wir können Maßnahmen, die politisch diskutiert werden, dahingehend abklopfen, ob sie die Ziele, die sie erreichen sollen, auch erreichen können, oder nicht. Das tun wir in unserer Arbeit ohnehin, über die “S4F“ sollen die Erkenntnisse aber auch in die öffentlichen Diskussion eingebracht werden. Gerade die unbequemeren Erkenntnisse werden politisch oft schlicht ignoriert. Das sind aber oft die effektvollsten. Diese Fachbrille hilft in der Diskussion sehr und ist einzigartig. Das ist das wissenschaftsspezifische. Unsere Stellungnahmen sind oft relativ umfangreich, scheinbar langweilig und sperrig – weil es bei vielen Problemstellungen mehrere Aspekte zu berücksichtigen gibt. Ein klares „ja“ oder „nein“ ist fachlich oft nicht gerechtfertigt. Dennoch kommen von uns klare Aussagen, welche Maßnahmen geeignet sind, welche eher nicht und welche gar nicht.

Was ist das Ziel von „S4F“ und welche Aktivitäten und Erfolge wurden bereits erreicht?

Das Ziel im Großen ist klar – wir wollen das Klimaziel von Paris einhalten, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Im Detail ist dieses große Ziel auf verschiedene Unterziele heruntergebrochen. Was wir bereits erreicht haben, ist die Präsenz in der Öffentlichkeit und die Tatsache, dass wir als Gesprächspartner wahrgenommen werden. Wir
bekommen immer wieder Anfragen bei Klimadiskursen mitzuwirken und zwar auf nationaler, wie auch auf regionaler und lokaler Ebene. Wir suchen aktiv das Gespräch. Über die Arbeitsgruppe „Veranstaltungen“ konnten wir schöne Kooperationen z.B. mit der
evangelischen Kirche, der AK Niederösterreich oder mit einigen Städten und Gemeinden aufbauen. Im ersten Halbjahr haben wir bereits über ein Dutzend konkreter Veranstaltungen fixiert und es werden laufend mehr. Unser Programm climate@home läuft gut an. Hier vermitteln wir für Diskussionsrunden im privaten Rahmen WissenschaftlerInnen. Eine abgewandelte Form haben wir für die AG „Schulen“ aufgesetzt, die ebenfalls bereits über ein Dutzend Mal angefragt wurde. Daneben gibt es noch eine Menge weiterer Aktivitäten in allen Bundesländern. Wir sind gerade dabei einen Jahresbericht zu schreiben und sind selbst überrascht, wieviel sich so tut.

Foto: Logo – Scientists for Future Österreich

Heutzutage ist das Thema „Klima und Umwelt“ sowohl medial als auch in den politischen Diskussionen präsenter denn je. Ist das Ihrer Meinung nach auch an den konkreten
Handlungen seitens der Politik zu erkennen?

Auf jeden Fall. Natürlich ist der Weg noch ein weiter, aber die Maßnahmen, die bereits jetzt konkretisiert sind, machen schon Mut. Das betrifft alle Ebenen. Es gibt ein Klimaschutzabkommen, den Green Deal der Europäischen Union, es gibt konkrete Umsetzungsmaßnahmen der Bundesregierung, wir sehen Klimaräte auf nationaler Ebene. Klimakonferenzen und Klimadialoge gibt es aber auch auf regionaler und lokaler Ebene. Ich möchte hier die Steiermark, aber auch die Stadt Baden, Krems oder Kremsmünster als Beispiele nennen. Die Anliegen werden immer mehr auch von politischer Seite als wichtig verstanden. Das ist der erste und wichtigste Schritt. Allerdings braucht es jetzt noch viel mehr. Auf Seiten der Wirtschaft mache ich mir weniger Sorgen, die meisten Unternehmen haben verstanden, dass die Klimakrise alle Bereiche fundamental betrifft und die, die es nicht verstanden haben, wird es in 5 bis 10 Jahren nicht mehr geben. Dafür werden viele neue Unternehmen am Markt entstehen und die Märkte werden auch in wenigen Jahren anders aussehen. Schwieriger ist es auf Seiten der Gesellschaft. Hier brauchen wir noch viel, viel mehr Diskussionsformate, wo wir gemeinsam Visionen entwickeln, die dann auch mitgetragen werden. Die politischen Rahmenbedingungen werden wir sicher sehen, aber sie müssen auch umgesetzt werden. Gerade Lebensstil lässt sich nicht vorschreiben und das ist gut so. Hier geht es um Partizipation. Das wird auch erkannt und es tut sich viel. Aber die Zeit drängt enorm. Normalerweise sind das Fragen, die eine ganze Generation brauchen und wir müssen das in vielleicht 5 Jahren hinbekommen.

Die andere Frage ist die Atmosphäre in der Gesellschaft. Hat die heutige junge Generation tatsächlich mehr Bewusstsein für Umwelt- und Klimaschutz als ihre Eltern und Großeltern?

Das ist die größte Motivation und Triebfeder. Die „Fridays4Future“ sind in meinen Augen die bedeutendste Bewegung unserer Zeit. Weil sie ein öffentliches Bewusstsein geschaffen haben, dass in der Form vorher nicht da war. Wir nehmen viel Interesse war. Und das treibt
wiederum die Politik vor sich her. In Krems haben die „Fridays“ Forderungen formuliert und die Stadtpolitik ist in einen Dialog eingetreten. Gemeinsam wurde heuer im Frühjahr die 1. Kremser Klimakonferenz abgehalten. Und da wurde durchaus Klartext gesprochen. Die Jungen lassen sich nicht mehr mit Sonntagsreden abspeisen. Die wollen etwas Konkretes sehen und fordern auch die großen Visionen ein. Das ist großartig. Aber wir nehmen deutlich wahr, dass es in allen Bevölkerungsgruppen ein rapide wachsendes Interesse gibt. Die Präsidentin des Seniorenbundes hat uns geschrieben, dass die Klimakrise für alte Menschen die wichtigste Herausforderung der Zukunft darstellt. Die Lösungen müssen in den nächsten wenigen Jahren gefunden werden. Es ist also nicht die kommende Generation, sondern es sind die aktuell gewählten und bestellten ChefInnen, die die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Sie werden in Zukunft geprüft, ob sie genug getan
haben.

Wie schätzen Sie die Kommunikation von Klimathemen in Österreich ein? Wer sind die wichtigsten Akteure und wird das Thema an alle relevanten Bevölkerungsgruppen richtig
kommuniziert?

Wie gesagt, es gibt gute Ansätze. Aber hier sehe ich noch sehr viel Luft nach oben. Diese Klimakommunikation oder der Klimadialog – ich mag den letzten Begriff, weil es darum geht auf Augenhöhe in einen Dialog einzutreten – muss deutlich breiter aufgestellt werden. Hier braucht es eine Plattform vieler, vieler Organisationen, Institutionen, Initiativen, die sich bereit erklären, aktiv mitzumachen. Keine Organisation und schon gar nicht die Bundesregierung kann alleine mit der breiten Bevölkerung in einen intensiven Dialog treten.
Wir sehen das in der COVID-Krise, wie schwer sich die Regierung tut, Maßnahmen breit und auf Augenhöhe zu diskutieren. Viele Menschen haben kein Vertrauen und werden auch nicht direkt angesprochen. Aber so gut wie alle Menschen haben irgendwohin ihre Verknüpfungen, ihre AnsprechpartnerInnen, denen sie vertrauen. Wir haben darum als „S4F“ aktiv die Kooperation gesucht – z.B. mit der Arbeiterkammer oder den Religionsgemeinschaften, wir versuchen, mit Gasthäusern, LandwirtInnen und Schulen zusammenzuarbeiten. Jeder dieser Stakeholder, hat sein Segment an Menschen, die er erreichen kann. Wenn wir diese vielen Segmente übereinander legen, dann können wir auch die breite Bevölkerung breit ansprechen. Hier
fehlt uns derzeit noch die geeignete Struktur, um das breit aufzusetzen. Hier könnte sich die Regierung einbringen und so etwas aufbauen.

In der momentanen Situation wird die Debatte über die Atomkraft aktueller. Wie stehen Sie als Umweltwissenschaftler bzw. ihre Organisation zu dieser Frage? Warum ist dieses Thema im Unterschied zu den meisten anderen EU-Ländern in Österreich ein Tabu?

In dem Thema steckt viel Emotion drinnen, was natürlich auch damit zu tun hat, dass hier besonders hohe Risiken drinstecken, die wir mit Tschernobyl und Fukushima klar vor Augen geführt bekommen haben. In Österreich war Zwentendorf eine Zeitenwende. Das war auch
eine kalte Dusche für die Politik. Ich denke, das alles ist immer noch präsent. Die Risiken sind das eine, die Frage, ob sich die Technologie grundsätzlich eignet, um die Klimakrise zu lösen eine andere. Das Hauptargument dagegen ist dasselbe, das auch die Elektromobilität oder alle anderen rein technologischen Lösungen unmöglich macht. Derzeit ist der Aufbau all dieser Technologien ziemlich vollständig auf fossile Rohstoffe angewiesen. Sprich, damit wir mit Atomkraft ausreichend Energie erzeugen können, müssen wir so viele Meiler mit fossilen Rohstoffen bauen, dass wir alleine dadurch das Klimaziel sprengen. Das kommt also schlicht nicht in Frage. Die Risiken und die Frage der Endlagerung habe ich da gar nicht angesprochen. Da gibt es auch viel zu diskutieren, aber letztlich ist das alles müßig. Solange wir keine Meiler klimaneutral bauen, können wir auch nicht massiv aufstocken. Letztlich lässt sich die Klimakrise technologisch in 5 bis 10 Jahren nur abwenden, indem wir unseren Verbrauch an fossilen Kohlenstofflagern (Öl, Kohle, Gas, aber auch Kalk) komplett
runterfahren. Das wird nur gelingen, wenn wir unseren Lebensstil massiv überdenken und gleichzeitig erneuerbare Energiequellen nutzbar machen.

Haben Sie persönlich einfache Tipps wie man individuell als Einzelperson im Alltag das Umweltdenken in die Realität umsetzen kann?

Wir brauchen uns eigentlich nur zu fragen, wo in unserem Leben fossile Rohstoffe drinstecken. Und das ist in unserer Gesellschaft faktisch überall. Wir machen also dauernd was falsch, haben aber umgekehrt auch die Möglichkeit, an unglaublich vielen Schrauben
positiv zu drehen. Der erste und wichtigste Schritt ist wohl eine Ist-Zustands-Analyse. Es gibt eine Reihe von einfach zu bedienenden und kostenfreien Rechnern, um den eigenen Einfluss zu analysieren. Da kann man vor allem auch die Relationen der verschiedenen Maßnahmen erkennen. Jede Maßnahme zählt. Die großen Themenkreise sind Konsum mit all seinen Ausprägungen, also Lebensmitteln, Textilien, Elektro und Elektronik, Möbel, etc., dann
Mobilität und Energie. Wer suchet, der findet auch Maßnahmen, die man umsetzen kann, ohne einen Wohlstandsverlust zu erleiden. Klimaschutz kann Spaß machen, wenn man sich erst einmal drauf einlässt.

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