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Dr. P. Stöckle: Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern hat auch identitätsstiftende Funktion

Dr. Philipp Stöckle ist Research Associate an der ÖAW (Österreichische Akademie der Wissenschaften), Linguist spezialisiert vor allem auf Soziolinguistik und Dialektologie. Er ist leitender Redaktor des „Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich“ und ist als Lektor an dem „Institut für Germanistik“ der Universität Wien tätig.

Wie schaut ein üblicher Arbeitstag eines Sprachwissenschaftlers aus? Welche Aufgabenbereiche beinhaltet dieser Beruf?

Foto: P. Stöckle

Das kommt natürlich ganz darauf an, wo und in welcher Funktion man arbeitet. Hat man z. B. eine Stelle an der Universität mit Lehrverpflichtungen, kann die Vorbereitung und Durchführung von Lehrveranstaltungen sowie von Prüfungen einen beträchtlichen Teil der Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Arbeitet man beispielsweise bei einem Wörterbuch, besteht natürlich ein Großteil im Verfassen der Wörterbuchartikel. In der Forschung geht es viel darum, Daten zugänglich machen und auszuwerten und auf dieser Grundlage Forschungsfragen zu beantworten. Diese Daten können sowohl geschrieben als auch gesprochen (in Form von Audiodateien) vorliegen. In allen Teilbereichen gehört natürlich die Auseinandersetzung mit Fach- und Forschungsliteratur zum Alltag eines Sprachwissenschaftlers, um auf dem neuesten Stand zu bleiben. Nicht zu unterschätzen ist auch die organisatorische Arbeit, die je nach Stelle mehr oder weniger Arbeitszeit beanspruchen kann. Dazu gehören z.B. akademische Selbstverwaltung, Gremienarbeit, aber auch Projektplanung und -organisation.

Gibt es personenbezogene Eigenschaften, die Ihrer Meinung nach gute SprachwissenschaftlerInnen besitzen sollten?

Die Sprachwissenschaft wird zwar traditionell eher zu den Geisteswissenschaften gezählt bzw. zu den entsprechenden Philologien (wie Germanistik, Anglistik, Romanistik oder Slawistik), ist aber gleichzeitig stark empirisch ausgerichtet und greift daher auf Methoden zurück, wie sie etwa in den Sozial- oder Naturwissenschaften verwendet werden. Neben einer Faszination für Sprache, die natürlich eine Grundvoraussetzung darstellt, sollte man offen für Methoden und Zugänge aus anderen Disziplinen sowie technischen Neuerungen sein. Die Auswertung empirischer Daten kann manchmal zeitaufwändig und mühsam sein, dafür benötigt man ein gewisses Durchhaltevermögen sowie gleichzeitig ein hohes Maß an Genauigkeit. Auch das Lesen von Fachliteratur sollte einem Spaß machen, da man sich auch immer wieder in neue Themen einarbeiten muss.

Worin unterscheidet sich die deutsche Sprache von anderen Sprachen? Generell wird gesagt, dass Deutsch eine schwierige Sprache sei. Woran liegt das, wenn das überhaupt stimmt?

Das Deutsche weist einige Besonderheiten auf, die das Erlernen für Nicht-MuttersprachlerInnen erschweren. Diese beziehen sich auf unterschiedliche sprachliche Ebenen wie Grammatik, Wortbildung oder Aussprache. Was die Grammatik betrifft, weist das Deutsche drei Genera und vier Kasus auf, die an jedem Nomen markiert werden. In Bezug auf die Satzstellung unterscheidet das Deutsche zwischen verschiedenen Typen, d.h. je nachdem, ob es sich beispielsweise um einen Aussage-, Frage-, Exklamativ- oder eingebetteten Nebensatz handelt, steht das finite Verb an einer unterschiedlichen Position. Auch hinsichtlich der Wortbildung weist das Deutsche einige Besonderheiten auf. Im Vergleich zu vielen anderen Sprachen können praktisch beliebig große Komposita gebildet werden (z.B. Straßenbeleuchtungsmechanikerausbildungs…), und viele Verben können durch das Anfügen sog. Partikel oder Präfixe völlig neue Bedeutungen bekommen (z.B. abfahren, anfahren, ausfahren, erfahren, umfahren, verfahren, vorfahren, …), die häufig nicht ohne Weiteres aus der Grundbedeutung abgeleitet werden können. In Bezug auf die Aussprache verfügt das Deutsche über einige Laute, die in vielen Sprachen nicht vorkommen, wie z.B. der ch-Laut in Wörtern wie wichtig oder echt, oder auch das ü (wie in Tür oder müssen). Aber auch Konsonantenverbindungen wie in (du) schlürfst dürften manchen Nicht-MuttersprachlerInnen beim Lernen Schwierigkeiten bereiten.

Sie beschäftigen sich unter anderem auch mit Dialekten der deutschen Sprache. Können Sie kurz beschreiben welche Faktoren bei der Entstehung eines Dialekts mitspielen und von welchen zeitlichen Einheiten wir reden, bis sich ein Dialekt von einem anderen abspaltet? Ist der deutschsprachige Raum besonders, was die Vielfalt an unterschiedlichen Mundarten angeht?

Ich würde das umgekehrt betrachten: Dialekte werden nicht als Varianten aus einer Sprache (wie z.B. (Hoch-)Deutsch) abgeleitet, sondern sind historisch betrachtet die ursprünglichen Erscheinungsformen einer Sprache. Das, was wir als „Hochdeutsch“, „Standarddeutsch“ oder „Schriftdeutsch“ bezeichnen, ist über einen langen Zeitraum hinweg erst auf der Grundlage verschiedener Dialekte (besonders der ostmitteldeutschen) geschaffen worden und hat sich im Lauf der Zeit etabliert. Was man daher eher beobachten kann, ist – je nach Land bzw. Region – eine Angleichung von Dialekten untereinander oder auch der Abbau von Dialekten unter dem Einfluss der Standardsprache. Was den deutschen Sprachraum betrifft, ist die Vielfalt an Dialekten bis heute (zumindest in weiten Teilen) noch gut erhalten geblieben. Das hat v.a. damit zu tun, dass es sehr lange kein klares politisches und sprachliches Zentrum (wie in Frankreich beispielsweise Paris) und auch kein entsprechendes Nationalbewusstsein gab. Seit dem Mittelalter bildete das „Heilige Römische Reich“, ein Zusammenschluss verschiedener Königreiche, Herzogtümer etc., den Herrschaftsbereich des römisch-deutschen Kaisers, im 19. Jahrhundert ging daraus der „Deutsche Bund“ hervor. Die Schweiz hat schon relativ früh einen Sonderweg eingeschlagen,aber die Herausbildung der Staaten Deutschland und Österreich begann erst im späten 19. Jahrhundert und war maßgeblich durch die beiden Weltkriege beeinflusst. Heutzutage haben wir 3 Normzentren, aber auch innerhalb der einzelnen Staaten ist der Föderalismus (bzw. in der Schweiz die Kantonsstruktur) noch stark verankert. Diese Heterogenität spiegelt sich bis heute in der Dialektvielfalt wider – auch wenn viele Unterschiede mit der Zeit ausgeglichen werden.

Wie soll man mit all den neuen Worten, die aus dem Englischen übernommen werden, umgehen? Ist es eine natürliche Entwicklung, die nicht zu verhindern ist oder sollte man eher darauf achten, dass die Anglizismen nicht zu schnell in der Sprache etabliert werden?

Dass Begriffe aus anderen Sprachen ins Deutsche entlehnt werden, ist grundsätzlich nichts Neues, sondern hat schon immer stattgefunden. Ein beträchtlicher Teil unseres Wortschatzes ist z.B. aus dem Lateinischen oder auch aus dem Griechischen ins Deutsche gewandert, über einen langen Zeitraum wurde überhaupt nur auf Latein geschrieben, während das Deutsche als Schreibsprache sich erst im Lauf der Zeit etabliert hat und sich gegenüber dem Lateinischen emanzipieren musste. Auch das Französische hat über mehrere Jahrhunderte einen großen Einfluss auf das Deutsche ausgeübt – und seit etwas der Mitte des 20. Jh. spielt das Englische eine wichtige Rolle. Der Einfluss anderer Sprachen liegt nicht daran, dass diese Sprachen „besser“ wären, sondern dass die entsprechenden Länder oder Kulturen besonders einflussreich sind oder waren. Die Angst vor sprachlicher Überfremdung ist daher auch nicht neu. Bereits im 17. Jahrhundert bildeten sich Sprachgesellschaften wie die „Fruchtbringende Gesellschaft“, die das Deutsche vor zu vielen fremdsprachlichen Einflüssen schützen wollten. Dass das Deutsche dadurch verschwindet, glaube ich daher nicht. Das sieht man z.B. auch daran, dass Fremd- oder Lehnwörter, wenn sie ins Deutsche übernommen werden, völlig problemlos an die deutsche Grammatik angepasst werden. Man sagt nicht etwa „Ich habe die Datei downloaded“, sondern „Ich habe die Datei gedownloadet“ oder „Ich habe die Datei downgeloadet“. Viele Wörter, z.B. aus der Jugendsprache, werden auch nur über einen bestimmten Zeitraum hinweg verwendet und verschwinden dann wieder aus dem Sprachgebrauch. Ob Anglizismen gut oder schlecht sind, hat sehr viel mit persönlichen Vorlieben zu tun und damit, was man selbst als Kind gelernt hat. Sprache ist eben lebendig und verändert sich ständig. In welche Richtung diese Veränderung geht, lässt sich aber nur schwer steuern, sondern liegt bei den Sprecherinnen und Sprechern.

Wie bewerten Sie die Sprache, die heutzutage in den Medien die Sie konsumieren verwendet wird? Ist Mediensprache von der realen gelebten Sprache weit entfernt?

Ich denke, dass die Sprache in den Medien – je nach Art des Mediums und Intensität der Nutzung natürlich – einen Teil der real gelebten Sprache darstellt. Die intensive Nutzung insbes. der digitalen Medien führt zu einer Verwischung der Grenzen zwischen gesprochener und geschriebener Sprache. Man unterscheidet in der Sprachwissenschaft zum einen zwischen medial schriftlich und medial mündlich und bezieht sich damit klar auf das Medium, in dem Sprache realisiert wird, zum anderen zwischen konzeptionell schriftlich und konzeptionell mündlich, d.h. von der Konzeption an einen bestimmten Stil angelehnt. Ein typisches Beispiel für ein Sprachereignis, das zwar medial schriftlich, gleichzeitig aber konzeptionell mündlich ist, wäre etwa eine WhatsApp-Nachricht unter Freunden. Man benutzt dabei zwar ein schriftliches Medium, der Text enthält aber z. B. umgangssprachliche Merkmale (die häufig auch ganz bewusst eingesetzt werden) und bekommt dadurch einen weniger formellen Charakter. Auch die Publikation von Texten, die für eine große Öffentlichkeit vorgesehen sind, ist ja heute nicht mehr einer kleinen Gruppe von AutorInnenund JournalistInnen vorenthalten, sondern es kann prinzipiell jeder zu jedem Zeitpunkt den eigenen Sprachgebrauch der ganzen Welt schriftlich und mündlich (z.B. über YouTube-Videos) zugänglich machen. Wir haben es daher mit einer Art Demokratisierung öffentlicher Sprache zu tun. Dass der Sprachgebrauch sich dadurch automatisch verschlechtert, glaube ich allerdings nicht. Natürlich kann es vorkommen, dass sich durch die Schnelllebigkeit mehr Fehler einschleichen, andererseits wird heute sicherlich allgemein viel mehr geschrieben als vor einigen Jahrzehnten.

Was ist Ihr „Lieblingsdialekt“ oder Ihre „Lieblingsfremdsprache“, wenn es so was gibt?

Einen „Lieblingsdialekt“ habe ich eigentlich nicht. Alle Dialekte haben ihre Besonderheiten, und es ist immer sympathisch, wenn man den Leuten ihre Herkunft sprachlich anhört. Meine „Liebslingsfremdsprache“ ist brasilianisches Portugiesisch – was in erster Linie daran liegt, dass meine Frau aus Brasilien kommt (aber die Sprache klingt auch ganz unabhängig davon sehr schön und melodiös).

Was bedeutet Sprache als solche für Sie und warum ist sie zu Ihrem Beruf geworden?

Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern hat auch identitätsstiftende Funktion – ein Aspekt, den ich als Variations- und Soziolinguist besonders faszinierend finde. Man wird ja nicht nur über den Sprachgebrauch (häufig ganz automatisch und unwillkürlich) mit bestimmten sozialen Kategorien assoziiert, sondern kann Sprache auch einsetzen, um sich selbst zu positionieren. Außerdem öffnet Sprache die Tür zu anderen Kulturen. Zwar kommt man generell mit Englisch in vielen Ländern gut zurecht, die landestypische Kultur erschließt sich einem aber erst, wenn man sich mit der Sprache beschäftigt (und somit z.B. auch an Gesprächen teilnehmen kann). Ich selbst bin auf die Linguistik während meines Germanistik-Studiums gestoßen. Besonders hat mich dabei der wissenschaftliche Blick auf etwas scheinbar völlig Alltägliches fasziniert. Jeder Mensch nutzt Sprache ständig und ist daher in gewisser Weise auch Experte – aber man kann noch so viel mehr über das Funktionieren und die Funktionen von Sprache lernen, wenn man sich wissenschaftlich damit beschäftigt.

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