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A. Höller: Philosophieren mit Kindern als elementare Demokratieerziehung

Andreas Höller ist Lektor für Fachdidaktik Psychologie, Philosophie und Ethik an der Uni Wien als auch Lehrer und Schulbuchautor. Er beschäftigt sich professionel mit einem interessanten Thema: Philosophieren mit Kindern.

Ihre berufliche Tätigkeit ist relativ breit aufgestellt, Sie sind als Lektor für Fachdidaktik Psychologie, Philosophie und Ethik tätig, schreiben Schulbücher, betreuen als Lehrer und Mentor Studierende bei ihren ersten Unterrichtserfahrungen an Ihrer Schule und Sie leisten wissenschaftliche Arbeit. Was davon beschäftigt Sie momentan am meisten und womit verbringen Sie am liebsten Ihre Arbeitszeit?

Foto: A. Höller

Ich verstehe mich in meinen Tätigkeiten an der Universität Wien und an der Schule (BAfEP 10) als Bindeglied zwischen Theorie und Praxis für die elementare als auch schulische Bildung. Eine Wertung kann ich hier nicht treffen, da mir alle meine Tätigkeitsfelder enorm viel Freude bereiten, aber wenn Sie nach dem „am meisten“ fragen, liegt meine Antwort derzeit bei dem Thema Philosophieren mit Kindern. Hierzu möchte ich (im Zuge meiner Doktorarbeit) ein interdisziplinäres Modell entwickeln, dass die kinderphilosophische Praxis genauso wie den internationalen, wissenschaftlichen Diskurs rund um die Kinderphilosophie bereichern soll.

Sie sagen, dass Sie „mit Kindern philosophieren“ und sich wissenschaftlich mit dem Thema Kinderphilosophie befassen, zu diesem Thema haben Sie sogar eine Publikation verfasst. Was kann man sich darunter vorstellen?

Philosophieren mit Kindern ist eine dialogische Methode, bei der man an den Fragen und Interessen der Kinder ansetzt und sie im Zuge eines argumentativen Austausches in der Gruppe begleitet. Ein Beispiel wäre hierzu: Kinder fühlen sich ungerecht behandelt, weil nicht jeder gleichviel von etwas bekommen hat. Nun kann man diese Alltagssituation nutzen, um darüber zu philosophieren, was generell als fair oder unfair gilt. Dies geschieht unter Zuhilfenahme philosophischer Themen und Methoden was eine klare Abgrenzung zu dem oft inflationär gebrauchten Bezeichnungen „wir philosophieren mal über“ oder „das ist unsere Firmenphilosophie“ darstellt. Daher kann man hier bereits von Philosophieren sprechen, wenngleich das noch keiner wissenschaftlichen Philosophie als akademische Disziplin gleichkommt. Ich vergleiche das immer mit der mathematischen oder musikalischen Frühförderung, bei der auch Grundfertigkeiten eingeübt werden. Durch das gemeinsame Philosophieren schärfen die Kinder argumentativ ihre eigenen Ansichten, versuchen die der anderen nachzuvollziehen und erweitern ihre eigenen Standpunkte. Empirisch konnten diverse internationale Studien mehrmals belegen, dass dies positive Auswirkungen auf die kognitive, die sprachliche sowie die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder mit sich bringt. Für mich stellt eine elementar-philosophische Bildung in einer humanistischen Gesinnung eine Frühförderung im Denken dar, bei der existenzielle Fragen der Kinder beleuchtet werden. Auch die großen PhilosophInnen waren einst Kinder, deren kognitive Potenziale
erst reifen mussten. Und von einem fundierten, wissenschaftlich gestützten -„Kinderphilosophischen-Bildungsbaustein“- profitieren einerseits die Kinder und Jugendlichen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, andererseits werden dadurch auch positive, bildungspolitische Akzente für eine ganze Gesellschaft gesetzt, da das Philosophieren mit Kindern eine elementare Demokratierziehung darstellt.

Ich habe auch schon einige kinderphilosophische Gesprächsrunden erlebt, bei denen ich nur Zuseher war. Wichtig scheint mir, dass man die praktische Umsetzung auf ein wissenschaftlich basiertes Konzept stützt, damit die Gedanken der Kinder reifen und nicht Ideen und Vorstellungen von Erwachsenen in die Münder der Kinder gelegt werden. Ein Meinungsbildungsprozess, der Anregungen durch Erwachsene vorsieht, aber der auf keine endgültigen Antworten und auch nicht zwangsläufig auf gleichen Einsichten abzielt.

Worauf muss man aus Ihrer Sicht in der aktuellen Situation, die für alle herausfordernd ist, Kinder nicht ausgenommen, besonders im Umgang mit Kindern achten? Gibt es ein paar grundsätzliche Prinzipien Ihrer Meinung nach, die man befolgen sollte? Bis zu welchem Alter reden wir überhaupt von einem Kind?

Wenn Sie die aktuelle Corona-Situation meinen, dann stehen Kinder natürlich vor einer besonderen Herausforderung. Gemeinsame kinderphilosophische Gespräche können hier sicherlich Abhilfe schaffen, um die Sorgen und Probleme der Kinder zu besprechen, wenngleich es hier wichtig ist klar zwischen Philosophieren mit Kindern und therapeutischen Gesprächen zu unterscheiden. Ich denke jedoch, dass sich gerade jetzt grundlegende Fragen nicht nur bei uns Erwachsenen auftun, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen: Was ist mir wichtig im Leben? Was braucht man wirklich, um glücklich zu sein? Welchen Wert haben FreundInnen usw. Aus entwicklungspsychologischer Sicht spricht man bis zum Eintritt in die Pubertät gemeinhin von Kindern, danach, ab ca. dem 12./13. Lebensjahr von Jugendlichen. Ich denke, die Übergänge sind hier fließend und individuell unterschiedlich.

Was sind Ihre Erfahrungen und Empfehlungen zum Thema Kinder und Medienkonsum. Internet und Handys sind für die jetzige Generation meistens eine Selbstverständlichkeit. Wie kann man aber Kindern beibringen mit diesen Technologien sinnvoll umzugehen?

Ich würde es hier mit Aristoteles Mesotes-Lehre halten, in der die Tugenden in der der Sache angemessenen Mitte zwischen zwei Extremen liegen. Was wären hier die beiden Extrempunkte? Zum einen, dass man Kinder von der Nutzung digitaler Medien fernhält. Das ist aus meiner Sicht nicht vertretbar, denn unsere Welt wird immer digitaler und daher brauchen Kinder gewisse Grundkenntnisse im Umgang damit. Zum anderen wäre eine vollkommen überdigitalisierte Kindheit auch nicht zu befürworten, da wir wissen, dass exzessive Mediennutzung die Körperrepräsentanz der Kinder und Jugendlichen verändert, sie dann bspw. ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen können und es ihnen zunehmend schwerer fällt, Emotionen aus Gesichtern von anderen Menschen abzulesen. Daher würde ich für einen gezielten Einsatz digitaler Medien bei Kindern plädieren, denn dieser ihnen meist bereits vertraute Weg der digitalen Nutzung, kann durchaus auch für Lernsettings im Bildungskontext fruchtbar gemacht werden. Das freie Spiel in der Natur oder Freizeitaktivitäten wie Sport, Theaterspielen und Musizieren dürfen dahingehend als Ausgleich keineswegs zu kurz kommen. Darüber hinaus halte ich es für wesentlich, mit Kindern regelmäßig auch ihren Umgang und ihre Erlebnisse mit digitalen Medien zu besprechen. Stichwort „Medienkompetenz“. Dazu brauchen die Kinder einen Rahmen, um sie einerseits über Vorteile und Gefahren digitaler Nutzung zu informieren und ihnen andererseits die Möglichkeit zu bieten, eigene Erfahrungen dahingehend zu reflektieren. Dies könnte bspw. im Zuge einer kinderphilosophischen Gesprächsführung über den Umgang und den Gebrauch von digitalen Medien geschehen.

Wie sollen Kinder konkret in der jetzigen Pandemie überhaupt informiert werden? Stellt das eine neue Aufgabe für die Eltern dar?

Ich denke, man sollte die Kinder auf kindgerechte Weise darüber informieren, wie das ja bereits vielerorts durch Eltern, Kindergärten, Schulen oder diverse Informationsvideos (der Stadt Wien) geschehen ist. Wichtig ist auch hier das rechte Maß zu finden, denn den Kindern
sollten die realen Gefahren bekannt sein, aber eine überdramatisierte Darstellung halte ich für kontraproduktiv, da dies unnötige Ängste bei Kindern schürt. Meine Empfehlung: Sachlich das Thema mit Kindern im dialogischen Austausch besprechen und dahingehend Ängste und Nöte der Kinder ernst nehmen und Fragen klären.

Hat für Sie persönlich die Corona Pandemie eine neue Herausforderung in Ihrem wissenschaftlichen Gebiet aufgestellt? Kann man sagen ob und wie die Pandemie den wissenschaftlichen Fokus in der Psychologie geprägt hat?

Also ich bin kein Psychologe, daher möchte ich an dieser Stelle auf Forschungen rund um das Thema verändertes Lernen während der Lockdownzeiten verweisen, für die die Institutsleiterin der Fakultät der Psychologie, an der Universität Wien, Barbara Schober sowie Susanne Spiel als auch Marko Lüftenegger verantwortlich zeichnen.

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